Tapovan – wenn nichts mehr selbstverständlich ist

Eine Entscheidung, die den Weg ebnet, eine Möglichkeit, die sich wie ein Fenster zum Unbekannten öffnet, und am Ende – ein Geschenk der Gnade, so rein und unerwartet. Einen Plan zu schmieden, mag auf dem Papier leicht erscheinen, doch was, wenn die Realität uns zum dritten Mal in Folge herausfordert, von unserem vorgezeichneten Pfad abzuweichen? Es ist ein Tanz mit den Hürden des Lebens, ein geschicktes Navigieren durch ein Meer von Bedingungen, die erfüllt werden müssen, ohne den Mut zu verlieren, selbst wenn administrative Hürden wie Genehmigungen, Agenturen, Guides, Versicherungen und Fitness-Checks unseren Weg säumen. Den dritten Anlauf zu wagen, bedeutet, in der Stille der Entschlossenheit zu sein, auch wenn um uns herum ein Sturm tobt, erinnert uns das an etwas Bekanntes? Es bedeutet, aufzubrechen, selbst wenn das Ziel noch im Nebel liegt, getragen von einem inneren Vertrauen, das von Anfang an unsere Schritte leitet – was für eine Meisterübung in Geduld und Hingabe.

Nach zwei Tagen der Vorbereitung und Akklimatisierung auf 3000 Metern Höhe in Gangotri, brachen wir bei Morgengrauen um 6 Uhr morgens auf, geführt von unserem Guide, einem 20-jährigen jungen Mann, der in einem Bergdorf des Himalayas aufgewachsen ist. Seine Wachsamkeit, Zurückhaltung, gepaart mit einer offenen und tief verwurzelten Spiritualität, vermittelte uns ein Gefühl der Einheit mit der Natur, das beruhigend auf uns wirkte.

Am ersten Tag unseres Treks, der zwar nicht das Hauptziel unserer Reise war, aber dennoch eine unvergessliche Wanderung darstellte, tauchten wir langsam in das Bhagirathital ein, wie der Ganges hier genannt wird. Der Weg führte uns entlang des Flusses, vorbei an atemberaubenden Aussichten, die sich uns immer wieder neu eröffneten. Nach sechs Stunden entspannten Wanderns, inklusive Pausen, erreichten wir Bhojbasa, unser Basislager, das 900 Meter höher und 14 Kilometer entfernt von Gangotri liegt.

Wir fanden Unterschlupf in einem liebevoll gepflegten Ashram, dankbar für ein Bett, warme Decken in einem windgeschützten kleinen Steinhaus, einfach und schlicht, perfekt in die Landschaft eingefügt. Trotz der dünneren Luft in dieser Höhe kamen wir, dank der vorherigen Akklimatisierung durch einen 2 Tage Aufenthalt in Gangortri, sehr gut mit Leichtigkeit zurecht. Als die Dunkelheit hereinbrach und die Kälte mit ihr, blieb es unter den Decken warm und wir fühlten uns wohlbehütet. Ein frisch zubereitetes Essen nach Ashram-Standard – Dhal, Reis, Gemüse und Roti – war die beste Vorbereitung auf den kommenden Tag.

Bereits um 6:30 Uhr standen wir bereit für die Fahrt mit dem Trolli, ein Vehikel, von dem ich gehofft hatte, es wäre durch eine bessere Methode ersetzt worden, seit ich es 2019 benutzt hatte. Doch es war die gleiche Methode, mit viel körperlichem Einsatz wurden wir in einer Art Seilwindenbahn gezogen. Die Prozedur dauerte, und uns war kalt. Aber ein wenig Kälte hat noch niemanden umgebracht, und wir hatten uns an die Anweisungen unseres Guides gehalten, so wenig wie möglich für diesen Tagesausflug mitzunehmen – im Nachhinein eine hervorragende Empfehlung, die viel unnötiges Tragen ersparte. Unser Gepäck trug unser Guide Deepasch Negi, was es uns ermöglichte, unbeschwert unterwegs zu sein.

Die ersten Schritte unserer Reise waren überraschend leichtfüßig, und die heilige Quelle des Ganges, Gomukh, ließen wir zunächst zu unserer Linken, geleitet von den Nachwirkungen eines Starkregens Ende Juli, der in diesen Höhen als Desaster gilt. Dieses Naturereignis hatte die Landschaft stark verändert, mit Steinlawinen und Erdrutschen, die den vormaligen Pfad verschlungen hatten. Doch wie es das Schicksal will, offenbarten sich uns neue Wege, gezeichnet von menschlicher Erfindungsgabe und dem Willen, voranzuschreiten. Trotz der unheimlichen Atmosphäre, die diese veränderte Welt umgab, zahlten sich unsere gesammelten Wandererfahrungen, erworben in den heimischen Alpen Österreichs und auf den Pfaden La Gomeras, aus. Getreu dem Motto “Wo ein Aufstieg möglich ist, findet sich auch ein Weg hinab”, setzten wir unseren Weg fort. Es war ein steiler, von Geröll übersäter Moränen-Hang, der uns an unsere Grenzen brachte, während der Sauerstoff merklich dünner wurde. Ein Abbruch der Wanderung war jederzeit möglich, doch die Frage nach dem nächsten Schritt blieb unbeantwortet. Mit zunehmenden Atempausen und dem Bewusstsein der steilen Lage, in der wir uns befanden, blieb uns nichts anderes übrig, als voranzuschreiten. Die letzten 200 Meter des Anstiegs forderten unseren ganzen Einsatz. Meine größte Sorge war, dass die Angst sich von meinem Kopf in meine Beine schleichen könnte. Um dies zu verhindern, konzentrierte ich mich auf jeden Atemzug, auf jeden Schritt.

Nachdem wir die letzte Ecke gemeistert hatten, erreichten wir endlich die Hochebene, und der majestätische Shivling (6543m) enthüllte sich in seiner vollen Pracht, mit dem Mont Meru Massiv (6660m) im Hintergrund. Ein atemberaubendes Panorama, das in seiner Unfassbarkeit alle Strapazen des Aufstiegs augenblicklich vergessen ließ. Es war, als würde ein Schalter umgelegt, und plötzlich fühlte sich das Gehen fast schwerelos an, die Augen tranken die Szenerie in sich auf, der Körper vibrierte, ohne dass ein bewusster Eingriff nötig war.

Uns standen nur 1 bis maximal 1,5 Stunden auf dieser Ebene zur Verfügung, bevor wir den Abstieg in Angriff nehmen mussten. Ein Unterfangen, das gefährlich und schwierig war und unsere volle Konzentration erforderte. Doch in den ruhigen Momenten, in denen wir schweigend innehaltend da saßen, ein paar Fotos machten, einen Chai tranken und hausgemachte Müsliriegel genossen, fanden wir Raum für Reflexion und das Speichern dieser kaum beschreibbaren Erfahrung. Vielleicht hast du auch schon einmal etwas Ähnlich Vergleichbares erlebt? Eine solche unfassbare Dankbarkeit zu spüren? Für mich war das Erreichen dieser Ebene (4450m) in diesem Jahr besonders bedeutsam, da es in den letzten zwei Jahren trotz physischer Nähe zum Ziel einfach nicht möglich war. Es lässt sich nicht erzwingen, und man muss lernen, zu akzeptieren.

Was nehme ich mit? Aufstiege sind anstrengend und erfordern Konzentration, das Ergebnis, das Plateau, ist phantastisch, und dann? Dann geht es wieder ins Tal hinab, jede einzelne Zelle ist beeindruckt, jedes Atom ein Zeuge dieses großen Wunders. Die darauf folgenden Tage in Ganeshpur waren noch intensiver als die vor dem Trek, die Lektionen gehen tief, die Erkenntnisse werden in immer neuen und anderen Worten ausgedrückt, um dasselbe zu beschreiben: Be Good, Do Good. Es zahlt sich aus, auf dem spirituellen Weg zu sein. Die einzige Konstante ist die Veränderung.

Beim Aufstieg ist der Tod ein ständiger Begleiter, ein falscher Schritt – und es ist vorbei. Ganz einfach. Ein Stein, der von irgendwo herabfällt – und es ist vorbei. Einfach so, unabhängig von mir und meinem Handeln. Doch jedes Ende birgt einen Neubeginn in sich – immer, auch wenn sich die Form oder die Materie verändert. Mit anderen Worten: Ich habe keine Kontrolle über das, was passiert, nur bedingt – nicht endgültig. Beim Abstieg wählten wir eine Weg der uns direkt nach Gomukh führte, am Gletscher sitzen – schauen – entspannen und dankbar sein.

Es gibt keine Aktion ohne Reaktion, selbst Gedanken sind Reaktionen. Reaktion bedeutet, was nach einer Aktion folgt. Tue Gutes für alle, für das gesamte Universum. Mach dir keine Sorgen um die Reaktion, also das Ergebnis für dich selbst. Erkenne stattdessen, dass du, indem du Gutes für alle tust, automatisch Gutes für dich selbst tust. Du bist Teil von allem. Diese Gedanken nehme ich gern mit nach hause.

Und an dieser Stelle möchte ich allen danken, die diese Reise möglich gemacht haben. Ilse, Deepasch Negi, Nils, Swami Premananda, Biju, Vishnu, Suryaji, Suresh Panda, Sumit, Oliver und Fahrer und Ashramis und und. Ein Netzwerk von Verbindungen zu einer Erfahrung. Dankbarkeit bleibt.

Die nächste Option für Dich dabei zu sein 31.1.-15.2.2025 diesmal in Rishikesh inkl. Trip nach Amritsar.

3 Comments

  1. Nadine22. October 2024

    Kannst stolz auf euch sein! Ich freue mich, dass euch eure Beine sowohl rauf als auch wieder heil runter getragen haben Xd! Bis bald!!

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  2. Eva-Maria Feistauer21. October 2024

    Sehr, sehr beeindruckend !

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  3. Wolfgang21. October 2024

    beautiful journey .

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