Wenn Anbetung das Herz berührt – Amritsar

Sollte Dir der Titel nicht gefallen, das macht nichts, du musst ja nicht weiterlesen, oder vielleicht eben doch, gerade darum? Er erreichte mich in der Nacht, ich schrieb ihn mir auf und nun steht er da. Bei meiner diesjährigen Indienreise wagte ich mich zwischen den fixen Terminen über meine Komfortzone heraus und es gelang mir, wie seit Jahren beabsichtigt, nach Amritsar zu reisen. Ich bin sehr dankbar über eine von mir unabhängiger Folge von Umständen, die es mir ermöglichten, das Zeitfenster so zu nutzen und endlich den goldenen Tempel selbst besuchen zu können. Entgegen der üblichen von Rishikesh aus benutzen Reiseform Nachtzug hin, Day-Time Tempel, Nachtzug re, entschied ich mich eine Nacht zu verweilen und buchte ein Hotel, welches fußnah vom Tempel entfernt gelegen ist.

Als mich Sumit – der mehr Freund als Taxifahrer ist – zum Nachtzug brachte und dieser dann auch mit 45 Minuten Verspätung einfuhr, wurde mir ganz bang. Von außen hatte ich primär kein Vertrauen, zumal ich dritte Klasse gereist bin, immerhin Liegewagen, und ganz ehrlich, es war großartig! Frisches Bettzeug, eine warme Decke und die Liege bot genug Platz. Ich schlief 9 von 11 Reisestunden tief. Angekommen, nun ich dachte ich geh mal zu Fuß zum Hotel, bin jämmerlich gescheitert und die Stadt war mir mehr als unsymphathisch. Es folgte eine relativ langen Suche mit einer Rad-Rikscha. Ich wähle gern diese Option, meistens ältere Männer, die eigentlich niemand bevorzugt, da sie natürlich nicht mehr so schnell den Transfer erledigen. Das spielte für mich in dem Fall keine Rolle, und das Geld kann dort jeder gebrauchen, das spürt man schnell. Es sind einfache Leben, die da gelebt werden.

Einchecken und dann direkt zum Harmandhir Sahib. Die Neugier war groß. Erste Überraschung: die Schuhe wurden abgegeben. Es standen 6 Schalter dafür zur Verfügung und die Schuhe werden sogar – Service! – gereinigt. Die Socken gleich mit abgeben, denn Socken sind im Tempel nicht erlaubt. Warum? Stell dir vor, du betrittst diesen friedvollen Ort, ziehst deine Schuhe aus und spürst die kühle Oberfläche unter deinen nackten Sohlen. Dieser Akt des Barfußgehens hat einen doppelten Zweck: Zum einen bleibt der Boden des Gurdwara rein und einladend, zum anderen können die 72.000 Nervenenden in deinen Füßen ungehindert Energie aufnehmen. Um diesen Prozess zu unterstützen, ist es ratsam, den Gurdwara barfuß zu betreten, ohne dass Socken oder Strümpfe die Füße verhüllen. So wird ein direkter Kontakt mit dem Boden ermöglicht, die dient der direkten Verbindung zur spirituellen Energie des Ortes. Klingt logisch. Und es ist spürbar. Ehe man hinein gehen kann ist eine Wasserwanne zu durchschreiten – nein es gibt keinen Weg daran vorbei – Hände und Füsse sind gewaschen ehe man das Areal betritt, und die Stufen hinunter geht . Sehr interessant, der Tempel liegt vertieft und nicht erhöht, es macht demütiger.

Warum gehen die Sikhs dahin? Was finden sie dort? Ein Besuch im Tempel ist für Sikhs ein tiefes Zeichen des Respekts und der Verehrung für den Guru Granth Sahib, das Heilige Buch. Die Gewässer, die den Goldenen Tempel umgeben, sind als Amrit Saras Kund bekannt – der Teich der Unsterblichkeit. Es wird ihnen nachgesagt, dass sie wundersame Heilkräfte besitzen. Auf ihrer Pilgerreise baden Sikhs in diesen heiligen Wassern in dem Glauben, dass sie Heilung erfahren werden. Es ist ein Akt des Glaubens und der Hoffnung, der die spirituelle Verbindung zu ihrer Religion und ihren Lehren stärkt. Und die Möglichkeit des Badnehmens habe ich bei meinem ersten Besuch erkundet, und tatsächlich gibt es 2 geschützte optisch verdeckte Areale in denen Frauen – ganz entspannt – das Bad nehmen können. Das war so besonders, ja es war kalt, und es war unglaublich weiches Wasser was sich urgut angefühlt hat. Freude kam auf und die Dankbarkeit immer wieder erreichte das Herz. Das Bad erfüllte sich für mich bei meinem 2. Besuch. Dabei muss man wissen, dass der Tempel 24h geöffnet ist, und ich war 3.35 nachts vor Ort, stellt mich an, in die Reihen der Frauen und meditierte im Tempel bis 6 Uhr morgens, danach das Bad, dem ein kleines Frühstück mit Tee und Zwieback in der Langur Hall folgte. Die weltweit größte kostenlose Küche im Goldenen Tempel hier in Punjab ernährt täglich 100.000 Menschen. So etwas organisiertes, und das alles nahezu im Schweigen, geredet wird nicht viel.

Es gibt hier ein grossartiges 4:40 langes Youtube Video,

was am besten widerspiegelt, wie sich das Leben in und um das Areal abspielt. Man kann es kaum mit Fotografieren und mit Worten auffangen, die Optik die Bewegung hilft. Es gibt unzählige Helfer und MItarbeiter, die dienen und den Dienst als Gottesdienst betrachten. Sie sorgen ununterbrochen für Ordnung, Ruhe, Sauberkeit und dafür, dass jeder Besucher so gut versorgt ist, dass er sich dem eigentlichen Anliegen der Hingabe in Anbetung widmen kann. Etwas anbeten, um darin sich selbst zu erkennen. Das Göttliche im Selbst zu erkennen erscheint uns unmöglich, im Objekt der Hingabe fällt es uns leichter das Herz zu öffnen und aus der Reflektion zu profitieren, zu erfahren. Wir können uns nicht mal physisch ohne Hilfsmittel selbst sehen, wir sehen uns immer nur durch die anderen und in einer Teilreflektion. Erkenne ich das göttliche im Objekt der Anbetung, ermöglicht es mir meine eigenes Licht zum leuchten zu bringen, ich lasse es entzünden. Das passiert mehr auf der Herzebene als auf mentaler Ebene. Soweit ein Versuch darin Licht hinein zu bringen.

An dieser Stelle ein kleiner Einblick in die Welt der Sikhs und ihre Entstehung. Der Sikhismus entstand aus den spirituellen Lehren von Guru Nanak (1469–1539), dem ersten Guru des Glaubens, und den neun Sikh-Gurus, die ihm folgten. Der zehnte Guru, Gobind Singh (1666–1708), ernannte das Sikh-Schrifttum Guru Granth Sahib zu seinem Nachfolger, beendete damit die Reihe menschlicher Gurus und etablierte die Schrift als den 11. und letzten ewig lebenden Guru, einen religiösen spirituellen/Lebensführer für Sikhs. Dieses Buch liegt im Herzen des goldenen Tempels und aus ihm wird rezitiert, begleitet vom Harmonium was dort vergoldet ist. Guru Nanak lehrte, dass ein “aktives, kreatives und praktisches Leben” von “Wahrhaftigkeit, Treue, Selbstkontrolle und Reinheit” über metaphysische Wahrheit steht und dass der ideale Mensch “die Einheit mit Gott herstellt, Seinen Willen kennt und diesen Willen ausführt”. Guru Hargobind, der sechste Sikh-Guru (1606–1644), etablierte das Konzept des gegenseitigen Zusammenlebens der miri (‘politischen’/’weltlichen’) und piri (‘spirituellen’) Bereiche.

Allein für das Dach des Tempels wurden 750 kg Gold verwendet. Wenn man durch den Tempel schreitet, nein er ist nicht sehr groß und immerhin in allen drei Etagen begehbar, vibriert Ehrfurcht und Hingabe Gnade pur. Das Prasat die gesegnete Gabe nach dem Besuch wird großzügig verteilt. Geben wird hier ganz groß geschrieben. Stunde um Stunde, die ich mich länger in dem Areal aufhalte – manchmal setze ich mich auch einfach auf den Boden, an eine Säule gelehnt – erleb ich die Dämmerung und das Herz weitet sich von innen heraus und möchte die ganz Welt umarmen. Vielleicht ist es auch etwas was überspringt von den vielen Besuchern hier.

Doch was sind die Kernüberzeugungen der Sikkhs, die im Guru Granth Sahib – dem heilgen Buch artikuliert sind, sie umfassen Glauben und Meditation im Namen des einen Schöpfers, die göttliche Einheit und Gleichheit aller Menschen, das Engagement in Seva oder Karma-Yoga wie wir es nennen (‘selbstloser Dienst’), das Streben nach Gerechtigkeit zum Wohl und zum Reichtum aller und ein ehrliches Verhalten, während man ein normales Leben in der Familie führt. Nach diesem Standard lehnt der Sikhismus Behauptungen ab, dass irgendeine bestimmte religiöse Tradition ein Monopol auf absolute Wahrheit hat. Der Sikhismus betont Simran worunter man Meditation und Erinnerung an die Lehren der Gurus versteht, die musikalisch durch Kirtan oder innerlich durch Naam Japna (mit einer Mala ausgeführt) als Mittel ausgedrückt werden kann, um Gottes Präsenz zu spüren. Er lehrt seine Anhänger, die “Fünf Diebe” (d.h. Lust, Wut, Gier, Anhaftung und Ego) zu transformieren.

Zuletzt möchte ich ich das Wasser reichen erwähnen, an alles vier Ecken des Tempels stehen Menschen die dir Wasser reichen, frisches reines Wasser in einer Schale, die du dort gedanklich bestenfalls mit Hingabe trinkst, und man nimmt sie dir direkt wieder entgegen, auch hier alles nonverbal. Ich finde diesen Service großartig und war sehr dankbar mal ohne Wasserflasche unterwegs sein zu können. Wie gut ist das denn?

Und ja was habe ich mitnehmen können und möchte es mit Dir teilen?

BE Good – DO Good

Das ist das Kleinste, was immer geht und das Größte, was du dir schenkst, in dem du es anderen bietest. Hari ohm tat sat.

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