Eine spirituelle Reise im Norden Indiens
Es war eine andere Reise als all die Jahre zuvor.
Dieses Mal war ich nach langer Zeit mal wieder wirklich allein unterwegs – ohne Gruppe, ohne äußeren Auftrag, nicht einmal mit der Absicht, tiefer zu graben in dem Brunnen, in dem ich seit über zwanzig Jahren grabe.
Wieder dieselben Orte, dieselben Wege – und doch alles neu, vielleicht auch, weil ich selbst anders schaue.
Die Form bleibt, der Blick verändert sich.




Puraka – Das Einatmen (Ankommen, Kraft, Präsenz)
Die Reise begann mit der Ankunft in Delhi. Von dort führte mich der Weg mit dem Taxi nach Rishikesh, in die Divine Life Society – zwei Nächte zwischen Morgengebeten, Glockenklang und den vertrauten Stimmen der Gesänge.
Ich erledigte die ersten praktischen Dinge: SIM-Karte, ein paar kleine Einkäufe – und tauchte dann gleich ein in die Praxis.
Im Samadhi-Shrine von Swami Sivananda zu sitzen, war wie ein tiefes Einatmen – ein Wiedererkennen-Ankommen.
Jeden Morgen begann ich mit einer Stunde Hatha-Yoga, um meine Rückenmuskulatur zu stärken und den ganzen Körper durch zu bewegen – für das Sitzen, für die Meditation, für den ganzen Tag, für jeden Tag. Es gibt keine Frage mehr darüber ob tun oder nicht tun. Routine.
Diese tägliche Praxis wurde mein Fundament. Sie hilft mir, den Körper als ein Werkzeug für die innere Arbeit, für das gesunde Älterwerden, für das Ankommen in mir selbst, zu erhalten.
Rejaka – Das Ausatmen (Bewegung, Hingabe, Begegnung)
Von Rishikesh ging es weiter nach Uttarkashi – in (m)einen kleinen geliebten Sivananda-Ashram am Ufer des Ganges, unweit der Berge.
Dieser wird geführt und geleitet von Swami Premanandaji, heute über Mitte achtzig Jahre alt, noch immer täglich seine wertvollen Vorträge über das Yoga Vasistha gebend.
Er ist der letzte lebende direkte Schüler von Swami Sivananda – und seine Präsenz erfüllt den Ort mit Stille und Klarheit.
Seinen Lectures zuzuhören, bedeutet, in die Essenz des Vedanta einzutauchen – in eine Philosophie, die immer wieder Brücken schlägt zwischen Denken und Erleben, zwischen Wissen und Sein. Und immer auf der Suche nach der Wahrheit. Wer tiefer eintauchen möchte:
Swami Premananda Ji teilt seine täglichen Yoga Vasishta Lectures online – lebendige Vedanta-Weisheit, direkt aus dem Ashram in Uttarkashi:







Der Ashram liegt direkt am Ganges, und so wurde das tägliche Bad im heiligen Fluss zu einem festen Ritual. Dreimal vollständig untertauchen – eintauchen, aufsteigen, atmen. Danach neue Kleidung, Sonne auf der Haut, ein Gefühl von Reinigung und Rückkehr. (nicht an den ersten Regentagen)
Das Wasser ist kalt, manchmal eisig, aber lebendig. Es nimmt, was zu schwer ist, und lässt das zurück, was wahr ist.



Das Essen im Ashram ist einfach, nährend und liebevoll zubereitet – Dhal, Reis, Gemüse, Chapati.
In der Schlichtheit liegt hier kein Mangel, sondern Fülle.
Man isst, was es gibt, und das genügt.









Ein Ausflug führte mich hinauf nach Gangotri, über Ganganani mit seinen heißen Quellen, vorbei an den Narben früherer Erdrutsche und Steinschläge. Und wiedermal war das Becken für Frauen gefüllt , aber so heiss, dass es unmöglich war, ein Bad ohne Verbrennungen zu erleiden, zu nehmen. Also dann nicht- auch gut.





Auf dem Weg nach Gangotri wurde mir in diesem Jahr erneut bewusst, wie fein der Faden des Lebens ist.
In Dharali, einem kleinen Ort am Fluss, haben ein Wolkenbruch am 5.8.2025 vieles verändert.
Häuser wurden fortgerissen, der Fluss hat sich ein neues Bett gesucht – die ganze Landschaft sieht heute anders aus, überzogen von einer Stein, Schlammlawine von mehreren Metern.
Dort, wo einst Felder und Gärten waren, liegen nun Geröll und Sand.
Und doch: eine neue Straße formt sich, erste kleine mobile Shops öffnen wieder, Menschen kehren zurück.
Das Leben findet Wege – anders als zuvor, aber unbeirrbar. Wenn man nicht wüsste, wie es früher aussah, würde man es so hinnehmen, wie es jetzt ist.
Vielleicht liegt darin eine leise Lehre: Die Natur kennt kein Festhalten.
Sie formt sich neu, seit Millionen von Jahren – Berge stürzen ein, Wasser bahnt sich neue Wege, Leben passt sich an.
Und wir Menschen dürfen lernen, dass Akzeptanz nicht Aufgabe bedeutet, sondern ein stilles Einverstehen mit dem, was ist.




In Gangotri selbst traf ich wunderbare Menschen – Swamis, Pilger, Reisende. Ich nahm am Abend-Aarti teil, saß still am Ganges, und spürte:
Dieses „Ausatmen“ ist kein Loslassen, sondern Hingabe – ein Sich-Überlassen an den Fluss, der trägt.
Kumbhaka – Das Innehalten (Stille, Tiefe, Samadhi)
Zurück im Ashram in Uttarkashi wurde das Leben noch stiller.
Die Tage begannen früh – oft mit dem ersten Licht – und vergingen im Rhythmus aus Stille, Lecture und Satsang.
Alles bekam seine eigene Weite, seinen eigenen Atem.










Hier, in dieser Zeit des Innehaltens, ereignete sich etwas, das die Vergänglichkeit in Erinnerung rief und zugleich die Tiefe des Lebens sichtbar machte:
Shri Amru Ji Maharaj, ein alter, liebevoller Bewohner des Ashrams, verließ seinen Körper an einem Morgen.

Er hatte über Jahrzehnte in enger Verbindung mit Swami Premananda Ji Maharaj gelebt und mit selbstloser Hingabe gedient.
Seine Tage begannen lange vor Sonnenaufgang – oft um vier Uhr morgens mit einer Tasse Tee, die er für alle bereitete. Danach folgten Gebet, Stille, Mantra.
Er war Sanftmut in Person, von stillem Humor und tiefem Herzen.
Als er seinen Körper verließ, war es, als wäre nur eine Hülle gegangen – seine Gegenwart blieb spürbar. Vormittags wurde sein Körper geschmückt, mit Blumen geehrt und in feierlicher Ruhe zum Ganges getragen.
Das Ritual der Verbrennung vollzog sich in derselben Einfachheit, mit der er gelebt hatte: still, würdevoll, eingebettet in das größere Ganze.

Seine Asche vereinte sich mit dem Wasser des Ganges – ein Symbol für das Zurückfließen in den großen Strom des Seins.
Und so bleibt er gegenwärtig – nicht mehr in Gestalt, aber in Schwingung, in Erinnerung, in jedem stillen Gebet am Fluss.
Ich saß da, sah zu, und verstand, dass dieses Innehalten, das wir im Yoga üben, nichts anderes ist als das Sich-Einfügen in den größeren Atem –
das Leben selbst: Einatmen, Ausatmen, Innehalten.





Das Licht danach
Gegen Ende meines Aufenthaltes hier im Himalaya bereiteten sich die Menschen auf Diwali, das Fest des Lichts, vor.
Überall glühten Lichter, Farben, Lachen. Es war, als würde die Stadt selbst leuchten.
Ich spürte, wie sich etwas in mir schloss und zugleich öffnete – ein Kreis, ein Atem, ein Weg.
Diwali – das Licht, das in der Dunkelheit geboren wird.
Vielleicht ist es das, was Yoga und Leben im Kern verbindet:
nicht das Streben nach dem Licht, sondern das Erkennen, dass es nie verloren gegangen ist.
Einatmen. Ausatmen. Innehalten.
Puraka. Rejaka. Kumbhaka.
Und immer wieder – weiter atmen.
Am Morgen nach Diwali begann der Rückweg: von Uttarkashi zurück nach Rishikesh, zwei letzte Nächte im Ashram, bevor es weiterging nach Delhi und von dort nach Hause.
Doch die Rückkehr war keine Heimkehr im üblichen Sinn – eher ein Nachklang, ein sanftes Ausatmen nach einem langen Atemzug.




Ausblick – Indien, Februar 2026
Im Februar 2026 werde ich zurückkehren – nach Rishikesh, an die Quelle dieser Erfahrungen.
Diesmal wird die Reise sowohl kulturell als auch spirituell geprägt sein – mit Raum für Yoga, Stille, Begegnung und das lebendige Indien in all seinen Farben.
Wir werden an vertraute Orte zurückkehren, an den Ganges treten, Rituale erleben, und in der Tiefe jener Praxis verweilen, die uns verbindet:
Yoga als Weg des Erkennens, des Fühlens, des echten Daseins.
Wenn Du Dich gerufen fühlst, bist Du eingeladen, dabei zu sein – auf dieser nächsten Etappe einer Reise, die nie wirklich endet.
Denn Indien hört nicht auf, wenn man abreist. Es atmet weiter – in uns, durch uns, mit uns.







